Offener Brief an das ZDF

Eine Stadt und Region wird in einem völlig falschen Bild dargestellt. Sendung nachträglich ansehen unter: laenderspiegel.zdf.de 

Offener Brief:

Betreff: Länderspiegel vom 30.10.2010 – Beitrag „Prenzlau – Abseits vom Aufschwung“

Hier: Kritik zum Beitrag, mangelhafte redaktionelle Tätigkeit des Teams      01.11.2010

Sehr geehrte Reaktion, sehr geehrter Herr Ralf Schumacher, sehr geehrte Nancy Fischer und sehr geehrter Herr Gunnar Krüger,

Mit Verwunderung, ja mit Entsetzen verfolgte ich heute im Archiv Ihre Sendung vom Wochenende. Auch wenn aktuelle Brennpunkte der Stadt und Region angesprochen wurden, stellen Sie ein völlig verzerrtes Bild dieser Stadt dar. Schwerpunkte aus der aktuellen Diskussion des gesellschaftlichen Wandels, des mangelnden Demokratieverständnisses der Bürgerinnen und Bürger, des Bildungsnotstandes oder der Arbeitsmarktsituation in Deutschland, werden hier einer Stadt aufgedrückt.

Ohne Sinn und Verstand werden Sequenzen aus der Stadt Prenzlau vom Hartz IV-Empfänger, über die Stadtverwaltung oder desorientierter Menschen aneinander gereiht.

Auch wir als außenstehendes Unternehmen lernten vor 4 Jahren diese Stadt  kennen. Aber wir setzten darauf, ein reales und objektives Bild für unsere Projekte zu erlangen. Hierbei sehen wir natürlich auch Defizite, jedoch auch die herausragenden Entwicklungen und die Chancen in der Stadt Prenzlau.

Statt nur Billigketten in Ihrem Beitrag, bietet diese Stadt weitaus mehr. Statt AWP mit 48  Mitarbeitern  in Ihrem Beitrag, werden hunderte Arbeitskräfte in innovativen Unternehmen wie einem der modernsten Solarunternehmen aleo solar AG beschäftigt. Nicht ein Wort gab es zu den Bemühungen der Stadt im Rahmen des Stadtumbau-Ost oder der zukünftigen Landesgartenschau 2013.

Beiträge auf diesem Niveau stärken keineswegs den eh schon schwierigen Prozess der Verständigung und Entwicklung einzelner Regionen in Deutschland. Welchen Hintergrund dieser Beitrag haben sollte, müssten Sie den Bürgerinnen und Bürger der Stadt erklären. Gerne organisieren wir hierzu eine Bürgerwerkstatt.

Denn auf einer derartigen Veranstaltung wurden erst kürzlich den Einwohnern der Stadt ihr neues Stadtzentrum erläutert. Bürgernähe und gelebte Demokratie zeichneten Prenzlau aus. Das wäre ein sinnvoller und nachhaltiger Beitrag in Ihrer Sendung gewesen. Ich lade Sie gerne ein, um gemeinsam mit engagierten Menschen der Stadt, das wahre Bild von Prenzlau darzustellen.

 Mathias Tietze


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Bisher wurde 5 Kommentare geschrieben.

  1. ruth fisch sagt:

    an das Team ZDF langsam wird es peinlich !!! in den hauptnachrichten alleine 6 minuten über das TEMA GUTENBERG zu hören und dann noch zusätzlich eine Sündersendung über das gleiche thema haben wir wirklich über keine wichtigeren Themen zu berichten??? als Verteidigungsminister macht er seine Arbeit fehlerlos und alles andere ist zweitrangig
    mfg . r.fisch

  2. Schubert,Peter sagt:

    Sehr geehrte Damen u. Herren, 05.11.2010
    Im Jahre 1990 bin ich als Berater einer Bundesbehörde in den Osten gekommen.
    Seit dem Jahre 1998 kenne ich die Uckermark.
    Habe mir den Bericht des ZDF angesehen und muss feststellen,dass dieser Bericht
    genau meinen Wahrnehmungen entspricht.Fakt ist,dass sich viel durch die Förderpolitik
    in der Uckermark (Prenzlau) zum positiven verändert hat.
    Zur Arbeitsmarktpolitik ist aus meiner Sicht zu bemerken,dass die( West)Firmen sich hier nur ansiedeln um Fördermittel ab zu schöpfen und einen sehr moderaten Lohn an die Mitarbeiter auszahlen. Würden,wie beklagt, Westlöhne für Facharbeiter gezahlt werden,hätten diese Betriebe bestimmt keinen Fachkräftemangel zu beklagen.
    Außerdem ist,wie vom ZDF bereits erwähnt,die Stadt Prenzlau kein Einzelfall.
    Die Zeiten,dass die Berichterstattung gefällig sein muss gehört doch hoffentlich auch in Prenzlau der Vergangenheit an,obwohl ich da manchmal meine Zweifel habe.
    P.S Der Beitrag des ZDF sollte nicht darstellen,was alles durch Fördermittel in Prenzlau
    verändert worden ist,sondern ob der Aufschwung in Prenzlau angekommen ist
    und das ist aus meiner Sicht zu verneinen.

    Peter.Schubert Hannover z.Zt Prenzlau

  3. Sehr geehrter Herr Tietze,

    vielen Dank für Ihre Zuschrift zu unserer Sendung Länderspiegel vom 30.10.2010. Als zuständiger Redaktionsleiter und Moderator möchte ich Ihnen zunächst kurz die Philosophie unserer Sendung vorstellen. Als eine der ältesten Magazin-Sendungen im deutschen Fernsehen versuchen wir Woche für Woche die großen Themen der Zeit aus Sicht der Menschen mit ihren ganz persönlichen Alltagserfahrungen zu spiegeln.

    Wenn die Republik über das Milliardenprojekt Stuttgart 21 diskutiert, berichten wir über das Bahnhofssterben in der Fläche. Wenn die Politik über eine neuerliche Novelle im Gesundheitswesen streitet, erklärt der Länderspiegel aus dem Alltag eines Landarztes die Fehler im System. Dabei senden wir überdurchschnittlich viel und intensiv aus den ostdeutschen Bundesländern und haben als eines der wenigen Magazine in der deutschen Fernsehlandschaft annähernd gleiche Zuschauer-Marktanteile in Ost und West. Will sagen: Wir gehen nicht leichtfertig mit regionalen Themen und Problemen um.

    Beim strittigen Beitrag aus Prenzlau haben wir in der Woche, in der die Bundesregierung den Aufschwung feierte und in der der Bundeswirtschaftsminister von der “Schnellstrasse zur Vollbeschäftigung” sprach, in der Redaktion überlegt, wie diese Euphorie wohl bei den Menschen vor Ort ankommt. Logischerweise in einer Region, wo noch nicht alles zum Besten steht. Wir haben vergleichbare Beiträge schon aus Bremerhaven und aus Demmin gemacht, auch Sangerhausen und aus Gelsenkirchen. Dabei geht es immer um ein aktuelles und möglichst vielschichtiges Stimmungsbild der Menschen und weniger um ein entwicklungsgeschichtliches Portrait der der Stadt.

    Prenzlau hat trotz aller positiver Entwicklung immer noch mehr als 15 Prozent Erwerbslosigkeit. Das beschäftigt viele Menschen in der Stadt und bereitet manchen auch existenzielle Sorgen. Gleichzeitig wagt die Stadt den Bau eines neuen großen Einkaufszentrums und setzt in die Investition große Hoffnungen. Ein Unternehmen, dass den Aufschwung spürt, möchte gerne Personal einstellen, findet aber nur schwer qualifizierte Bewerber. Nicht zuletzt auch deswegen, weil die Region unter den Folgen der Abwanderung leidet. Das alles haben wir dargestellt, das alles haben uns Menschen aus Prenzlau freimütig und eindrücklich geschildert. Und an der Glaubwürdigkeit dieser Protagonisten gibt es aus unserer redaktionellen Sicht keinen Zweifel.

    Uns lag und liegt es fern, die Stadt und die Region in einem falschen Licht darzustellen. Der Stadtumbau-Ost oder die künftige Landesgartenschau 2013 allerdings waren nicht Thema dieses Beitrags. Es ging allein um eine regionale Reaktion auf das Thema der Woche: der Aufschwung und das Jobwunder in Deutschland. Genau das haben unsere Autoren aus dem Studio Potsdam in allen Vorgesprächen erläutert, den Vertretern der Stadtverwaltung ebenso wie Unternehmern und den Menschen in der Tafel.

    Mit freundlichen Grüßen

    Ralph Schumacher
    Redaktionsleiter
    ZDF-Länderspiegel

    • Mathias Tietze sagt:

      Sehr geehrter Herr Schumacher,
      für eine derart ausführliche und schnelle Antwort möchte ich mich rechtherzlich bedanken. Grundsätzlich scheint Ihr Motiv für die Sendung und den Beitrag nachvollziehbar. Jedoch treffen Sie mit Ihrem Beitrag nicht das avisierte Stimmungsbild der Menschen vor Ort und schon gar nicht die mehrheitliche Meinung über den Standort Prenzlau. Ich möchte Ihnen das an 3 Beispielen erläutern:

      Das Team aus Potsdam hatte eine Szenerie auf dem Marktberg für den Beitrag im Länderspiegel ausgewählt, obwohl noch vor laufender Kamera die mehrheitliche Meinung der übrigen Passanten positiv über die “Neue Mitte” berichteten. 80% der uns zukommenden Bürgermeinungen gehen in die gleiche Richtung. Denn nur ein Bürgerentscheid 2008 machte es möglich, dass heute eine Stadtverwaltung gemeinsam mit der Prenzlauer Wohnungsgenossenschaft das neue Stadtzentrum gestalten. Entgegen der in Ihrem Beitrag geschilderten Pleitemeinung, erfährt das Projekt einem Bewerberansturm. Wie geht das aus dem gesendeten Beitrag hervor?

      Nicht nur AW Prenzlau, sondern auch andere Unternehmen suchen Fachkräfte. Das ist ein generelles, strukturelles Problem in Deutschland, nicht nur in Prenzlau. Prenzlau als Standort und Motor der regenerativen Energien mit Unternehmen wie aleo solar AG oder Enertrag suchen ebenso Fachkräfte. An einem Standort wo Frau Bundeskanzlerin Merkel im Jahr 2009 den Grundstein für das erste Hybridkraftwerk legte. Gehen diese innovativen Ansätze aus Ihrem Beitrag hervor?

      Sie sprechen das Thema Jobwunder und Aufschwung an, gleichzeitig eine Arbeitslosigkeit von 15% in Prenzlau. Wo ist die Relation zu anderen Standorten an welchen das gleiche Thema mit laufender Kamera hinterfragt worden wäre? Diese Relationen möchte ich aber vornehmen, denn das ist wichtig dabei. Auch wenn Sie kein entwicklungsgeschichtliches Portrait der Stadt Prenzlau darstellen wollten, müssen Sie eine Art Bewertungskriterium einsetzen. Prenzlau startete in den 90-er Jahren auf Grund einer gewissen Strukturschwäche nicht wie andere Städte. Im Jahr 2005 hatte Prenzlau eine Arbeitslosigkeit von 30%, heute sind es unter 15 %. Vergleichbare Städte konnten diesen deutschlandweiten Trend von 12% auf 9% erreichen. Warum muss unter diesem Hintergrund dieses als “Abseits vom Aufschwung” betitelt werden?

      Was ich damit, als nicht Prenzlauer, zum Ausdruck bringen will ist, das ein Arbeitsthema Ihrer Redaktion an einem Standort mit klarer Ergebnisorientierung verfolgt wurde, obwohl sich die Stadt Prenzlau genau auf einem gegenteiligen Weg befindet. Sie erfährt gerade ihren Aufschwung oder ist mitten drin. Diesen Gedanken sollten Sie weiter verfolgen, denn sowohl in der Bürgerschaft, als auch in Unternehmen und natürlich in der Stadtverwaltung verstärken sich die Proteste gegen den Beitrag.

      Mathias Tietze

    • Hendrik Sommer sagt:

      Sehr geehrter Herr Tietze,

      als Bürgermeister der Stadt Prenzlau habe ich mich schon in der Prenzlauer Zeitung zum Beitrag des ZDF-Länderspiegels geäußert und meinem Unmut Luft verschafft…
      Doch was der verantwortliche ZDF-Redakteur Herr Schumacher da erklärt, verschlägt mir die Sprache! Sein Team hatte kurzfristig bei mir am vergangenen Donnerstag, gegen Mittag anfragen lassen, ob die Prenzlauer Verwaltungsspitze am gleichen Tag noch Zeit für ein Interview zum Thema: Gibt es positive Anzeichen/Tendenzen für einen Aufschwung in Prenzlau? Beide Beigeordneten haben mit mir eine Stunde Zeit vor der um 17 Uhr anstehenden Stadtverordnetenversammlung “eingeschoben” und wir haben Vorort positive Entwicklungen/Trends in Prenzlau ausführlich dargestellt.Und danach hatten uns die Kameraleute auch immer wieder gefragt! Und die waren unseres Erachtens ehrlich erstaunt, was sich in Prenzlau bislang getan hat und was auch in den nächsten 3-4 Jahren noch folgen wird: Landesgartenschau 2013, Investitionen Tor zum Uckersee, Stadtmauersanierung inkl. Heiliggeistkapelle, Rathausvorplatz, Bahnhoftunnelprojekt, Marktbergbebauung, weitere Stadtumbauprojekte; um nur mal die wesentlichsten vorgestellten Vorhaben anzureißen… Natürlich gibt es noch einiges, was es zu verändern und anzupacken gilt: Zum Thema Fachkräftesicherung sitzt die Stadt mit im gleichnamigen Netzwerk Barnim/Uckermark und erarbeitet entprechende Maßnahmen; in kurzer Zeit gelang es auf Initiative eines Prenzlauer Arztes aktuell 45 Essenpaten zu gewinnen, die für ein Jahr die Mittagessenkosten von mehr als 50 Kindern aus sozialschwachen Familien übernehmen. Mehr als 1000 Arbeitsplätze sind im Bereich der erneuerbaren Energien in den letzten 4-5 Jahren entstanden. All das und noch viel mehr, wurde dem Fernseh-Team vermittelt!
      Für mich steht heute fest, dass das Drehbuch für den Beitrag schon lange vorher feststand. An positiven Aussagen -die es in meinem Beisein auch von zufällig vorbeikommenden Bürgern zahlreich gab- bestand gar kein Interesse!
      Die im Beitrag gezeigten Problemlagen gibt es m.E. mal mehr mal weniger stark ausgeprägt in jeder vergleichbaren Stadt. Ein aktuelles Bild von Prenzlau war das aber keineswegs. So einseitig kann man Regionen nicht darstellen und das vor einem Millionenpublikum. Ich habe das dem Intendanten des ZDF auch geschrieben und ihn nach Prenzlau persönlich eingeladen und werde mitteilen, wenn er sich hierzu geäußert hat.
      Bis dahin wünsche ich mir noch viele “aufgeregte” Bürger wie mich, die diesen Beitrag nicht auf sich sitzen lassen können und Prenzlau als das kennen, was es ist: Eine liebens- und lebenswerte uckermärkische Stadt am wundervollen Uckersee!

      Mit sonnigen Grüßen
      Ihr Bürgermeister Hendrik Sommer